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ExpertenratExpertenrat

Thema: Migräne und chronischer Kopfschmerz

Alleine in Deutschland leiden über 15 Millionen Menschen an Migräne und chronischem Kopfschmerz.

Ihre Prima- Experten informieren Sie zum Beispiel über Möglichkeiten der Akutbehandlung und der Prävention oder erläutern, wann ein Kopfschmerz Zeichen einer lebensbedrohlichen Erkrankung aufweist. Sie geben Tipps, wie Sie eine Migräne von einem Spannungskopfschmerz unterscheiden können und welche Therapieangebote eine Migräne-Kompaktkur für Sie bereit hält.

Fragen zum Thema beantworteten:

Frau Dr. med. Kornelia Seidel,
niedergelassene Neurologin und Psychiaterin in Gladenbach

Zum Praxisprofil


und

Frau Dr. K. Seidel

Herr Dr. med. Andreas Pfaff,
ärztlicher Leiter der Bad Endbacher Migräne- und Kopfschmerzkompaktkur

Zum Praxisprofil

Herr Dr. Pfaff

 

 

 

Fragen und Antworten des Expertenrates

Frage:
Mein Kind, hat oft Migräneanfälle, zeitweilig jedoch nur heftige Bauchschmerzen. In der Migräne-Selbsthilfegruppe in Biedenkopf meinte man, dass könne auch eine Folge/Erscheinungsform der Migräne sein. Ich sollte jedoch einen Arzt hinzuziehen. Aber der Hauptgrund meiner Frage ist, dass es dadurch in der Schule nicht so richtig mitkommt und man es auf eine Sonderschule schicken möchte. Das halte ich für „gelinde gesagt“ kompletten Blödsinn. Wie soll ich mich verhalten?

Antwort:
Gerade bei jüngeren Kindern kann eine migräneartige Erkrankung zunächst ohne die typischen Kopfschmerzen mit sich wiederholenden Bauchschmerzen und Übelkeit in Erscheinung treten.
Die Diagnose sollte ärztlich abgesichert werden und dann sollten sie unbedingt auch die unterrichtenden Lehrer darüber informieren. Kinder mit Migräne sind oft sehr sensibel und können auf verschiedene Überlastungssituationen mit einem Anfall reagieren. Oft bleibt ihnen ein Fehltag erspart, wenn sie vom Lehrer die Möglichkeit eingeräumt bekommen, bei einem drohenden Anfall mal eine kurze Zeit den Klassenraum verlassen zu können. Alleine diese Möglichkeit entlastet ein Schulkind schon beträchtlich und kann manche Kopfschmerzattacke vermeiden. Migräne hat mit mangelnder Intelligenz überhaupt nichts zu tun.


Frage:
Oft wird mir vorgeworfen, ich würde mich falsch verhalten und hätte nur und ausschließlich nur deswegen Migräne. Mir ist jedoch bekannt, dass sowohl mein Mutter, als auch deren Großmutter Migräne hatte. Ist es eventuell doch vererblich?

Antwort:
Genetische Faktoren spielen eine Rolle. Es wurde beobachtet ,dass es zur Häufung von Migränepatienten in bestimmten Familien kommt, ohne dass ein Gendefekt identifiziert werden konnte -also der genaue Weg der Vererbung bekannt wäre. Es ist bekannt, dass bestimmte Nahrungsmittel, psychischer Stress und Alkohol Migräneanfälle begünstigen. Insofern kann durch Vermeiden der individuellen Auslösefaktoren die Häufigkeit der Migräneanfälle beeinflusst werden. Aber die Neigung zu Migräneanfällen kann nicht „geheilt“ werden.


Frage:
In der Migräne SHG Bad Endbach – Gladenbach, wird auch viel Wert auf Musiktherapie (selbstgestrickt) gelegt. Bei Etlichen hilft es auch. Sie berichten über eine wesentlich geringere Anfallstärke, wenn sie regelmäßig diese Musik hören und sich dabei entspannen.
Bei mir hilft es jedoch nicht. Es tritt genau das Gegenteil ein. Ich bekomme dann immer einen Anfall.

Antwort:
In diesem Fall wird die bekannte Wirkung von Entspannungstechniken gezeigt. Die Faktoren, die Anfälle auslösen sind jedoch individuell sehr unterschiedlich. Es gibt keine universelle Methode, deshalb ist es schon möglich, dass die vermeintlichen Therapieansätze in einzelnen Fällen eher zu Verschlechterung der Beschwerden führen. Wenn man es weiß, sollte man diese Faktoren meiden.


Frage:
Entspannung wie mach ich das?

Antwort:
Die bekanntesten erprobten Entspannungstechniken sind: Autogenes Training und progressive Muskelrelaxation nach Jacobsen. Es werden entsprechende Kurse z.B. an der VHS angeboten oder bei niedergelassenen Psychologen, wobei die Kosten zumindest teilweise von der Krankenkasse übernommen werden. Zusätzlich besteht die Möglichkeit, eine Kassette im Handel zu erwerben und die Techniken selbst zu erlernen. Wichtig ist dabei regelmäßiges Wiederholen der Übungen um Routine und damit bessere, tiefere Entspannung zu erreichen. Auch allgemeine Methoden zu entspannen z.B. Musikhören oder Spazierengehen können helfen. Dabei ist wichtig, dass man abschalten kann und die Zeit ohne grübeln und Problemwälzen verbracht wird. Das muss individuell ausprobiert und beurteilt werden.


Frage:
Mein Sohn, hat an etlichen Tagen im Monat Kopfschmerzen (sagt er zumindest, nachprüfen kann ich es ja nicht). Allerdings entwickelt er dann immer einen eigene Sprache, zunächst stottert er, bekommt die Wörter nicht richtig heraus, lässt er den Speichel aus den Mundwinkeln laufen. Ich schimpfe schon immer „pass gefälligst besser auf und benimm dich mal“. Aber es hilft nichts. Nun sagte mir einer aus der Migränegruppe in Biedenkopf, dass dies nicht ungewöhnlich sei. Ich sollte ihn auf jeden Fall mal richtig durchchecken lassen. Kann das wirklich Migräne sein. Mein Mann meinte, das kann nicht sein. Männer bekämen keine Migräne, das wäre ein reines Frauenleiden. Höchstens Schwule würden es bekommen.

Antwort:
Sie sollten dem Rat der Selbsthilfegruppe befolgen und Ihren Sohn neurologisch durchchecken lassen. Es sollte ausgeschlossen werden, dass es sich um eine andere Art Erkrankung handelt. Die Kopfschmerzen könnten nur eine Nebenerscheinung sein. Migräne tritt häufiger bei Frauen als bei Männern auf ca. im Verhältnis 3:1. Es ist aber keine Frauenkrankheit. Vor der Pubertät sind ca. 4-5% Kinder betroffen, dabei tritt Migräne genauso häufig bei Jungen wie bei Mädchen auf.


Frage:
Meine Tochter steht vor der Frage, was sie nach der Schule für eine Ausbildung anfangen soll. Gibt es Tipps für Berufe, die für Migränepatienten nicht geeignet sind. Ggf. eine Liste nach dem Motto: „Go- oder Nogo-Berufe“ ?

Antwort:
Die Berufsauswahl sollte sich natürlich, wenn irgend möglich nach Positivkriterien richten. Nicht unbedingt empfehlen würde ich aber eine Arbeitsstelle mit starker Lärm- oder Geruchsbelastung. Auch Schichtdienst ist nicht ideal oder eine tägliche langwierige Anfahrt zum Arbeitsplatz.


Frage:
Können ADHS-Medikamente einen Migräneanfall auslösen?

Antwort:
Zur häufigen Nebenwirkungen von ADHS-Medikamenten gehören Kopfschmerzen -allgemein gesehen. Auslösen von Migräneanfällen wird als gelegentliche Nebenwirkung gewertet.


Frage:
Kann man eine Aura (Seh- und Sprachstörungen) behandeln? Kann man sie am Anfangsstadium (man spürt die ersten Anzeichen) noch stoppen? Denn sie dauert 1-2 Stunden und länger - und nicht wie üblicherweise gesagt 10-20 Minuten.

Antwort:
In diesem Fall handelt es sich um sogenannte prolongierte Aura bei Dauer von 1-2 Stunden. Hier würde man sicherlich eher die Indikation zur Prophylaxe-Therapie stellen. In Studien gesicherte wirksame Mitteln gegen Aura kann ich nicht benennen. Von einigen Kollegen wird in diesem Falle Aspirin 500 Brause empfohlen. In der Vorstellung, dass ein Gefäßspasmus vorliegen kann, sollte mit durchblutungsfördernden Mitteln behandelt werden. Da bei Patienten mit Aura häufigeres Auftreten von Schlaganfällen nachgewiesen wurde, erscheint dieser Ansatz hilfreich zu sein.


Frage:
Ich habe von der Behandlung mit Pestwurzextrakt erfahren. Leider habe ich in der Migränegruppe gehört, dass es hierbei zu schweren Leberschädigungen kommen kann. In der Vergangenheit wurde sogar über Todesfälle berichtet.

Antwort:
Die Pestwurz kann von geeigneten Patienten zur Anfallsprophylaxe eingesetzt werden und muss dann über Monate täglich eingenommen werden. Zum Glück sind Leberschäden unter der Behandlung mit Pestwurz doch äußerst selten. Trotzdem sollten die Leberwerte vor Behandlungsbeginn und während der Behandlung im Intervall kontrolliert werden.


Frage:
Ich traue keiner Selbsthilfegruppe, man muss auch immer vermeiden, dass es öffentlich wird, dass man daran teilnimmt. Gibt es die Möglichkeit eines Migränesprechtages, ähnlich denen des Versorgungsamtes in den jeweiligen Orten?

Antwort:
Es gibt zwar keinen Migräne-Sprechtag aber eine Migräne-Sprechstunde: Bei Ihrem behandelnden Arzt. Er unterliegt selbstverständlich auch der Schweigepflicht.

Ein Teil der Selbsthilfegruppenarbeit besteht gerade auch in der Öffentlichkeitsarbeit. Hier wird der Bevölkerung vermittelt, wie hoch doch der Anteil an Kopfschmerzkranken bei uns ist und an welchen Problemen und Beschwerden sie leiden. Dazu gehört auch, dass manch einer meint, sich mit seinem Leiden verstecken zu müssen. Das Wissen um die Erkrankung Migräne ist scheinbar noch nicht weit genug verbreitet.


Frage:
Ich rauche gut und gerne und trinke Kaffe (ca. 5 Thermoskannen am Tag). Das allerdings nur während der Arbeit. In der Freizeit, komme ich meistens gar nicht dazu und aus Rücksicht auf die Kinder verzichte ich sogar auf das Rauchen. Kann es sein, dass ich gar keine Migräneanfälle habe, sondern es sich dann jeweils um Entzugserscheinungen handelt. Oder sind Kaffe und Nikotin in gewissem Maße als Gegenmittel für Migräne bekannt?

Antwort:
Wenn man Kaffee in dieser hohen Dosierung gewohnt ist, kann ein relativer Coffeinentzug am Wochenende durchaus einen Migräneanfall auslösen. Manche Migränepatienten berichten auch, sie könnten ihren Anfall mit einer Tasse starkem Kaffee und Zitronensaft verhindern. Zigarettenrauch kann vor allem bei Nichtrauchern zu den stärksten Kopfschmerz auslösenden Faktoren gehören.


Frage:
Akupunktur ? – Ich traue der Sache nicht, auch wenn ein Bekannter davon berichtete, dass eine bestimmte Art der Akupunktur ihm mal geholfen hatte. Leider bezahlt es meine Kasse nicht, so dass ich dreimal überlegen muss, ob ich es überhaupt ausprobiere.

Antwort:
Welche praktischen Vorteile kann ein Kopfschmerzpatient bei einer Akupunktur erwarten? Aus dem System der Energielehre heraus gedacht, bedeutet Kopfschmerz, grob vereinfacht, entweder ein Zuviel oder ein Zuwenig an Energie im Kopfbereich. Folglich werden bei einem Energiedefizit eher Reize direkt am Kopf (lokal) gesetzt, um Energie dorthin zu bringen. Bei einem Energieüberschuss werden Reize hingegen eher kopffern gesetzt, also delokal, um quasi Energie abzuziehen. Gerade diese delokale Reizsetzung kann unter Umständen eine erstaunlich positive Wirkung erzielen. Den Kopfschmerz über Akupunktur an den Füßen, den Rückenschmerz über Reize auf dem Bauch, den Schulterschmerz über ein behandeltes Hüftgelenk verändern zu wollen, verwirrt vielleicht, zeigt aber unter Umständen überzeugende Erfolge. Schmerzen und vegetative Störungen lassen sich so des Öfteren positiv beeinflussen, ohne dass größere Nebenwirkungen befürchtet werden müssten.

Die Erfahrung zeigt, dass die erste Akupunkturserie oft besonders gute Erfolge bringt. Wird nach einiger Zeit eine weitere Behandlungsserie verabreicht, ist der Erfolg oft nicht mehr ganz so toll, insbesondere wenn versäumt wird, in der Zwischenzeit auch noch andere Kopfschmerz auslösende oder – begünstigende Faktoren zu verringern.

 

Mitglied in Hessenmed e.V.
Verbund hessischer Ärztenetze

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